1 Jahr offene Bühne. Mein Leben zwischen kalkbehafteten Brotdosen und Prosecco vermüllten Beifahrers


Es ist Montag, 10.45 Uhr. Normalerweise habe ich um diese Uhrzeit bereits einen Puls der nach stationärer Aufnahme schreit. Normalerweise habe ich zu diesem Zeitpunkt bereits 10 Brotdosen gefüllt, eine Wäscheleine mit 100 Kleidungsstücken verziert, 1 Autoschlüssel gesucht und beim Einkaufen 5 wichtige Nahrungsmittel vergessen. Mein Programm im Kopf läuft. Während meines Arbeitsalltags rechne ich fortlaufend durch, was es wann heute zu tun gibt. Wer wen abholt, wer was einkauft, ob ich Lust hab einzukaufen (obwohl das am Ende sowieso nicht zählt) und wann ich das letzte Mal Sex hatte (hoffentlich erst gestern, sonst wird’s mal wieder Zeit).

Meine Kopfmaschine läuft immerzu. Vor ziemlich genau einem Jahr hab ich festgelegt, dass ich diese Maschine ab und zu zumindest in einen Standby-Modus setzen muss. Ich bin schon 35, die Wahrscheinlichkeit einen Schlaganfall zu erleiden, steigt. Zwar bewege ich mich viel, ernähre mich allerdings nur intervallmäßig gesund und rauche wie ein Schlot. Mein Gemüt bewegt sich zwischen extrem gelassenen Momenten, in welchen ich von weitem meine Nachbarsfamilie beobachte, wie sie Samstagmorgen genervt ihre Fahrradkolonne zusammentrommelt, um das Wochenende mit Outdoor-Elementen zu füllen, bis hin zu Augenblicken, in welchen ich Tonus geladen und völlig übersteuert von Elternsitzung zu Elternversammlung, Dienstberatung und Schuhladen jage, und da hab ich noch nicht mal meinen Rasen gesenst. Während die Schaar von nebenan den Drahtesel besteigt, schau ich kurz, ob mein Bursche sich, bei 25 Grad Außentemperatur, in seinem PC-Spiel bereits eine neue Spitzhacke erkämpft hat, und hol mir anschließend erstmal ein Bier. Nur so vermute ich dem frühen Stresstod durch Venenverstopfung entringen zu können.

Wenn ich auf 1 Jahr Standby zurückblicke, stelle ich fest, dass ich in meinem Leben viele gute Entscheidungen getroffen habe. Eine davon war, dass ich mich waghalsig im letzten Sommer auf eine große Talentbühne im Pool Garden begeben habe um dort, trotz meiner hohen Ansprüche an mich selbst, zwei Songs in Denglisch zu performen. Dazu ermuntert hat mich ein sehr guter Freund. Die Sache lief zufriedenstellend und ich entschied, dies weiterlaufen zu lassen. Es haben sich Prioritäten verschoben. Während ich tiefenentspannt meine Abende auf diversen offenen Bühnen verbringe, stapeln sich zu Hause Wäscheberge und auf meinen Beifahrersitz Proseccodosen. Mein Arbeitsalltag hat sich erweitert. Während ich Entwicklungsberichte verfasse, befinde mich stets im Songwriting-Modus. Das gute ist, es merkt gar keiner. Während meine grandiosen Musikerkollegen hochprofessionell ein Riff nach dem anderen runterspielen und währenddessen tolle Lyrics erschließen, sitze ich immer wieder montags an meinem Klavier und bleibe stumm. Da lob ich mir mein Smartphone, mit welchem ich in allen möglichen Situationen und zu jeder Uhrzeit lyrisches und instrumentelles Gedankengut festhalten kann. Ich bin ein Immerkomponierer. Mein Lyricrad dreht sich 24 Stunden. Dafür bin ich sehr dankbar, denn es ist praktisch und familienfreundlich. Wenn ich dann alles zusammengeführt habe, um es einem Publikum zu präsentieren, blicke ich auf amüsante Anfängerfehler zurück, welche ich euch nicht vorenthalten möchte. Hier sind die Platzierungen:

1. Ich gehe auf die Bühne und finde das Gitarrenkabel nicht.

2. Ich gehe auf die Bühne, finde das Gitarrenkabel, vergesse jedoch, es in die Gitarre zu stecken.

3. Ich bin auf der Bühne, stecke mein Kabel in die Gitarre, mein Stimmgerät ist aber noch an und der Tontechniker versetzt mich in Schock während er mir mitteilt, dass meine Gitarre defekt sei.

4. Ich bin auf der Bühne, Gitarre läuft, ist verstimmt, während ich stimme, bleibe ich mit dem Fuß in den bühnenuntauglichen Europaletten hängen und lege beinahe eine Landung hin.

5. Ich stehe auf der Bühne und habe die falsche Gitarre in der Hand.

6. Alles lief gut, ich ziehe das Kabel zu zeitig raus, es gibt einen bösen lauten Knall, wodurch ich das Publikum kurz in einen Schreck versetze (Terrorgefahr?)

7. Bei der Anmoderation wird mein Name falsch ausgesprochen.

8. Ich stehe auf der Bühne obwohl ich arbeitsunfähig geschrieben bin (Nicht nachmachen!!!)

9. Ich nehme an einem Slam teil und muss gegen „Nante“ singen (Auch nicht nachmachen, ihr verliert!)

10. Nicht an sich selbst glauben und aufgrund jeglicher Selbstzweifel 5 statt 3 Proseccodosen vor dem Auftritt einfließen lassen (Nur nachmachen, wer die Konsequenzen steuern kann)

Ich bin fehlerfreundlich. Das bedeutet, dass ich gern aus ihnen lerne,

gern aber auch nicht. Man lernt u.a. durch Wiederholung, deshalb sehe

ich es mit Platz 10 nicht ganz so enge…

Es ist Montag, mittlerweile 11.44 Uhr. Ich habe mich für 3 Tage an

den Rand eines eher weniger beschaulichen Ortes in Thüringen

einquartiert. Ich habe stark mit der Möglichkeiten zu kämpfen, hier

per Amazon Prime streamen zu können. Da hab ich mir doch extra einen

Ort ausgesucht, in welchen ich zur nächsten Therme oder zum

nächsten Felsen oder diversen Thüringen-Arkaden eine Weltreise

unternehmen müsste. Nun sitz ich hier mit meinem Firestick. Und kann

ihn auch noch bedienen. Glücklicherweise habe ich gelernt, Prioritäten

zu setzen. Ich handele es einfach, wie mit dem Sandmann. Erst vor

dem Schlafengehen.

Zu guter Letzt lasse ich meinen Blick noch einmal auf das vor mir

liegende scheinromatische Rapsfeld schweifen und denke kurz an die

Menschen, die mich in den letzten 12 Monaten organisatorisch,

moralisch und mit Anwesenheit sehr unterstützt haben. Sie motivieren

dazu, mich die nächsten 2 Tage dem nicht zu unterschätzenden Druck

hinzugeben, mindestens ein tolles Lied mit nach Hause zu nehmen.

Ich danke meinem Mann und meinen Kindern, Lars Timpelan, Nicole

Beer, Fritzi Siegert, meinem Bruder, Martin Seidel, Peggy Luck, Guy

Aud, Lisa Zwinscher, Pia Tschorn, meinen Arbeitskollegen und vielen

vielen mehr.

Jetzt warte ich auf mein Stage Piano und bis dahin gibt’s Prosecco.

Skål!

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